Tag 2: Storlien – Blåhammaren

Heute sollte ich endlich am Startort des südlichen Kungsleden ankommen. Vom Örtchen Storlien sollte es dann in der ersten Etappe bis zur Berghütte Blåhammaren gehen.

Ein Morgen im Zug

Mein Wecker war für 7:45 Uhr gestellt da mein Zug gegen 8:15 im Örtchen Åre ankommen sollte. Allerdings wachte ich bereits 15 Minuten vor dem Wecker auf. Meine 2 Mitreisenden hatten das Abteil bereits vor 2 Stunden verlassen, da sie eine Station eher ausgestiegen sind. Ich war überrascht, dass ich das überhaupt nicht mitbekommen habe. Entweder war ich dermaßen übermüdet, dass ich tief und fest geschlafen habe oder die Beiden waren wirklich sehr rücksichtsvoll. Die Nacht selbst war wirklich sehr erholsam. Ich war überrascht wie super ich in diesem Bett schlafen konnte. Auch dass meine Mitreisenden nicht geschnarcht haben war wirklich sehr angenehm.

Zeitiger aufgestanden und doch zu spät?!

Ich packte also mein Zeug zusammen und freute mich, dass ich den Morgen ganz entspannt starten kann. Schließlich hatte ich nun 15 Minuten mehr Zeit als geplant. Ich suchte dann die Toiletten auf, musste hierfür aber 2 Wagen weiterlaufen, da die Toiletten zum Großteil defekt waren. Anscheinend existiert dieses Phänomen nicht nur in Deutschland.

Bahnhof Åre
Bahnhof Åre

Während ich an der Toilette anstand wurde der Zug immer langsamer und fuhr in einen Bahnhof ein. Ich guckte auf meine Uhr und stellte fest, dass ich noch 15 Minuten bis zur eigentlichen Ankunft Zeit habe. Etwas verunsichert fragte ich dann eine Person auf dem Gang, ob es sich denn bei dem Bahnhof schon um den Ort Åre handelt. Da er sich auch nicht sicher war guckten wir beide mit suchendem Blick aus dem Fenster und erspähten auf einmal ein Schild mit der Aufschrift „Åre“. Ich war dann sofort im Panik-Modus und spurtete zurück in mein Abteil. Dies sollte allerdings etwas schwieriger werden, da viele Leute in den Gängen standen und aussteigen wollten. Ich klaubte alle meine Klamotten zusammen, griff noch meine Fanta-Flasche, 2 Bananen und meinen Rucksack und flüchtete nach draußen. Dort kippte ich erstmal alles ab, um mich richtig anzuziehen und alles irgendwie zu verstauen. 5 Minuten später fuhr der Zug tatsächlich 10 Minuten zu zeitig weiter. Wäre ich nicht eher aufgestanden oder hätte den Zug schnellstmöglich verlassen wäre ich tatsächlich bis zum nächsten Bahnhof weitergefahren. Und das kann durchaus Stunden dauern.

Åre → Storlien

Nachdem ich mich sortiert hatte begegnete ich dem Mann wieder, den ich eben im Zug gefragt hatte, ob wir denn schon im Ort Åre angekommen sind. Es handelte sich um einen Iren, der mit dem Zug auf dem Weg von Bratislava (Slowakei) nach Trondheim (Norwegen) unterwegs war. Er war wohl schon 2 Tage lang unterwegs und liebte das Zugfahren. Es ist wirklich interessant was für Leute man bei solchen Trips immer trifft. Wir unterhielten uns dann noch 20 Minuten und warteten auf den nächsten Zug, der mich dann innerhalb einer Stunde nach Storlien bringen sollte. Da in Åre alle Geschäfte im Bahnhof geschlossen waren, bereitete ich mich bereits darauf vor, dass auch das eine Geschäft in Storlien nicht geöffnet haben wird.

Startschuss!

Das Dörfchen Storlien
Das Dörfchen Storlien

Pünktlich erreichte ich dann das kleine Dörfchen Storlien. Mit 97 Einwohnern handelt es sich wirklich um ein winziges Dörfchen. Es ist echt ein Wunder, dass es dort überhaupt einen Bahnhof gibt.

Am Bahnhof stiegen dann relativ viele Leute aus. Darunter befanden sich zum Großteil Trekker. Ich musste dann allerdings feststellen, dass die meisten Leute nur umsteigen wollten. Am Ende verblieben 4 Trekker in Storlien, wovon 2 Trekker einen anderen Weg eingeschlagen haben müssen, so dass ich sie nicht mehr wiedergesehen habe. Beim 3. Trekker handelte es sich um einen Deutschen, mit dem ich kurz ins Gespräch kam. Da er ebenfalls den südlichen Kungsleden laufen wollte, war ich mir sicher, dass ich ihn unterwegs wieder treffen würde.

Und was ist jetzt mit den Gaskartuschen?

Wie erwartet war das Geschäft am Bahnhof geschlossen, so dass ich dort meine Gaskartuschen nicht kaufen konnte. Glücklicherweise hatte ich die Bananen vom Vortag bei mir, so dass ich wenigstens etwas zum Frühstück hatte. Nachdem ich meinen Rucksack umgepackt und neu sortiert hatte startete ich dann als Letzter. Das Wetter war nicht wirklich angenehm, da es bei 10°C und bewölktem Himmel ziemlich frisch war. Kein Vergleich zu den 35°C in Berlin. Ich schlenderte dann die Straße entlang und nach einigen hundert Metern erreichte ich dann die Tankstelle. Auch diese war geschlossen, so dass ich auch dort keine Gaskartuschen kaufen konnte. Meine letzte Chance war somit die Gaskartuschen auf einer Berghütte zu kaufen. Es sollte also richtig spannend werden.

Und los geht’s auf dem Kungsleden

Startschild für den Kungsleden
Startschild für den Kungsleden

Während ich den Ort durchquerte leuchtete schon das erste Schild in roten Lettern und wies mir den Weg zum Kungsleden. Es war also gar nicht möglich den Einstieg in die Tour zu verpassen. Der Weg führte mich sofort durch saftiges Grün und anschließend folgten wieder ein paar Häuser. Interessanterweise waren die Dächer aller Häuser begrünt. Irgendwie faszinierte mich dieser Anblick. Da ich immer noch in einer besiedelten Gegend unterwegs war folgten dann einige hundert Meter auf einer asphaltierten Straße, bis ich dann wieder eine winzige Siedlung bestehend aus wenigen Häusern erreichte. Interessanterweise befand sich dort ein Großmarkt, der tatsächlich geöffnet hatte. Ich nutzte also die Gelegenheit, um nach Gaskartuschen zu fragen. Bedauerlicherweise hatten sie keine im Sortiment. Ich kaufte mir dann einen Zitronenkuchen und eine Fanta zum Frühstück und pausierte dort, um meinen Kuchen in Ruhe zu genießen.

Und wer mäht auf den Dächern den Rasen?!
Und wer mäht auf den Dächern den Rasen?!

Sumpf, Hagel und starker Wind

Nachdem ich die Siedlung hinter mir gelassen hatte startete ich tatsächlich in die unberührte Natur. Der erste Teil der Strecke stand regelrecht unter Wasser. Da der Weg aber größtenteils mit Brettern ausgelegt war konnte ich trockenen Fußes die großen Sumpfstellen überqueren. Mit der Zeit merkte ich dann, dass fast die komplette Strecke sumpfig ist. Der Boden sah aus der Ferne wie eine normale Wiese aus aber in Wirklichkeit hatte sie die Eigenschaften eines Schwamms. Ein Tritt in die Wiese ließ meinen Fuß sofort mehrere Zentimeter in den Boden versinken und das Wasser blubberte nach oben und umschloss meinen Schuh. Als ich die ersten Schneefelder zu Gesicht bekam war mir auch klar wo das ganze Wasser herkam.

Es hat natürlich nicht lange gedauert bis ich vom richtigen Weg abgekommen bin. Dies lag einfach daran, dass durch den langen Winter und der erst begonnenen Trekking-Saison die Wege teilweise nur schlecht bis gar nicht mehr zu erkennen waren. Ich folgte also notgedrungen der Winterwegmarkierung, die natürlich quer durch den Sumpf führte. Natürlich ohne ausgelegte Bretter, denn im Winter wird einfach querfeldein über den Schnee gelaufen. Ich versank also teilweise knöcheltief im Sumpf und kämpfte mich durch das niedrige Gestrüpp.

Hagel auf dem Weg nach Blåhammaren
Hagel auf dem Weg nach Blåhammaren

Obwohl das schon herausfordernd genug war musste es mir das Wetter natürlich noch etwas schwieriger machen. Es zog ein stürmischer Wind auf und nur wenige Minuten später fing es an zu hageln. Ich stand dann also schutzlos mitten im Sumpf, konnte meinen Rucksack nicht vernünftig abstellen, da er sonst durchgeweicht wäre und kramte meine Hardshelljacke raus. Nachdem ich sie angezogen hatte stellte ich allerdings fest, dass sie gar nicht so hart ist wie der Name vermuten lassen würde. ;D Denn der vom starken Wind im 45° Winkel getriebene Hagel peitschte gegen meinen Rücken und meine Waden. Und das hat verdammt nochmal ganz schön gezwiebelt, da die Hagelkörner doch etwas größer waren. Ich verharrte also für einige Minuten an der Stelle und ließ mich vom Hagel weichklopfen. Zum Glück hörte es dann direkt wieder auf und ich konnte weiter durch den Sumpf stapfen. Glücklicherweise stieß ich dann wieder auf den eigentlichen Weg und konnte etwas entspannter weiterlaufen. Etwas später erwischten mich dann noch 2 Regenschauer und ein weiterer Hagelschauer, so dass ich meine Hardshelljacke und meinen Regenschutz für den Rucksack gar nicht erst wieder einpacken musste.

Die Landschaft war geprägt von weiten Ebenen, die maximal kniehohe Vegetation aufwies. Generell stand alles unter Wasser. Zeitweise durchquerte ich kleinere Wälder und ab und an standen auch ein paar kleine Bäume am Wegesrand. Am Horizont waren bereits kleinere Berge zu sehen, die noch mit mehreren Schneefeldern gepunktet waren. Ein wirklich toller Anblick.

Schwedisches Fjäll
Schwedisches Fjäll

Blåhammaren – Gaskartuschen!!!

Gegen 15:30 Uhr erreichte ich dann Blåhammaren wo die ersten Berghütten standen. Dort traf ich auch Normen wieder, dem ich auch unterwegs einige Male begegnet bin. Theoretisch wollte ich meine erste Etappe in Blåhammaren beenden. Dummerweise handelte es sich aber um eine ziemlich exponierte Lage. Da es immer noch stürmisch war und sich der nächste Regen bereits ankündigte handelte es sich somit um einen ziemlich bescheidenen Zeltplatz. Ich besuchte also erst einmal den kleinen Shop in der Berghütte. Es handelte sich um 3 kleine Regale, in denen von jedem Produkt eine Handvoll einsortiert war. Und man mag es kaum glauben, ich habe tatsächlich Schraubkartuschen gefunden! Es gab zwar keine 450 g Gaskartuschen, dafür konnte ich aber zwei 250 g Gaskartuschen kaufen. Meine Trekking-Tour war somit gerettet und ich freute mich riesig.

Auf der Suche nach einem Zeltplatz

Nachdem ich meine Gaskartuschen bezahlt und verstaut hatte, lief ich mich Normen noch etwas weiter. Wir waren auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz. Im ersten Moment mag man denken, dass das relativ einfach ist bei so viel flachem Land. Die Realität sah leider so aus, dass die Suche nach einem Zeltplatz ein ziemlicher Krampf werden sollte. Entweder war der Boden mit sehr störrischem Gestrüpp und Geäst übersäht oder die Wiesen standen unter Wasser. Nachdem wir 4 km zurückgelegt hatten, entschieden wir uns gegen 17:00 Uhr dazu an einem Fluss unsere Zelte aufzuschlagen. Die Wiese, die wir ausgewählt hatten, war zwar auch nass, aber zumindest versanken wir lediglich einen Zentimeter, so dass nur wenig Wasser hochdrückte. Glücklicherweise hatte ich mir damals ein Zelt gekauft, dessen Bodenplane mit einer besonders hohen Wassersäule daherkam. Somit war ich guter Dinge, dass das Wasser nicht ins Zelt drücken würde.

Abendroutine

Zeltplatz 4 km hinter Blåhammaren
Zeltplatz 4 km hinter Blåhammaren

Den nun folgenden Ablauf kannte ich von meinen bisherigen Trekking-Touren nur zu gut. Zelt aufbauen, Luftmatratze aufblasen, Schlafsack ins Zelt legen, Trekking-Stöcke verstauen, Rucksack regensicher verstauen, Gegenstände für die Nacht griffbereit positionieren, usw. Danach kochte ich mir erst einmal einen Erbseneintopf mit Schinken. Ausreichend Wasser stand durch den nebenan fließenden Fluss zur Verfügung. Da das Wetter bei 10° C und anhaltendem Wind ziemlich unangenehm war, verzog ich mich nach dem Essen direkt in mein Zelt und schlüpfte in meinen warmen Daunenschlafsack. Ich prüfte dann, welche Blessuren ich von der heutigen Etappe davongetragen hatte. Die erste Blase lies natürlich nicht lange auf sich warten und bildete sich am rechten Ballen. Zudem entwickelte sich ein leichtes Ziehen in einer Sehne, die sich an der Außenseite meines linken Beins auf Kniehöhe befand. Der Schmerzfaktor lag bei 2/10 und war somit voll im grünen Bereich. Nachdem ich ein paar Notizen zum Tag angefertigt und noch ein wenig in meinem Buch gelesen hatte, schlief ich bereits 19:30 Uhr vor Erschöpfung ein.

Insgesamt war die heutige Etappe 21 km lang.

Weitere Impressionen des Tages

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