Tag 5: Schutzhütte Slagusjön – Grövelsjön

Heute sollte mich meine Etappe von der Schutzhütte Slagusjön in das 17 km entfernte Örtchen Grövelsjön führen. Der Stopp in Grövelsjön sollte allerdings nicht ganz freiwillig sein.

Ausnahmsweise mal richtig frühstücken

Das durch das Fenster dringende Licht weckte mich langsam gegen 7:20 Uhr. Aus meinem Schlafsack wollte ich allerdings nicht so wirklich herauskrabbeln, denn es war unangenehm kalt in der Hütte. Geschätzt so um die 5 °C. Draußen hörte ich zudem weiterhin starke Windböen. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen um freudestrahlend in den Tag zu starten.

Schutzhütte Slagusjön
Schutzhütte Slagusjön

Um der Kälte zu trotzen kochte ich mir heute eine heiße Linsensuppe zum Frühstück. Schließlich hatte ich die Zeit und diesmal eine windgeschützte Umgebung, um in Ruhe essen zu können. Aber ohne Bewegung hält auch eine Linsensuppe bei diesen Temperaturen nicht wirklich warm. Kurzzeitig musste ich an das sommerliche Wetter in Deutschland denken. Um mich weiter zu wärmen und eine ausreichende Flüssigkeitsversorgung sicherzustellen, kochte ich Wasser auf, füllte es in meine Trinkflasche und warf für etwas Geschmack eine Magnesiumtablette mit Grapefruit-Geschmack hinein.

Schutzhütte Hävlingen

Gegen 8:50 Uhr verließ ich dann die Schutzhütte um weiterzuziehen. Es war immer noch unangenehm draußen aber die Windböen waren bei weitem nicht mehr so eisig wie gestern Abend. Da ich immer noch blasenfrei unterwegs war, machte das eigentliche Laufen weiterhin viel Spaß. Die Landschaft hingegen blieb karg und sehr steinig. Da der vor mir liegende Weg allerdings ins Tal hinabführte und ich mich dem See Hävlingen langsam näherte, tauchten vereinzelt die ersten kleinen Bäume und Graslandschaften auf. Die Bretter zum Überqueren der sumpfigen Stellen durften natürlich auch nicht fehlen.

Auf dem Weg zum See Hävlingen
Auf dem Weg zum See Hävlingen

Kaum am See angekommen, stand ich auch schon in einem kleinen Wäldchen. Direkt am See befand sich eine kleine halboffene Hütte, die entsprechend des Sees ebenfalls den Namen Hävlingen trug. Hier hätte also mein gestriges Etappenziel sein können. Eine wirklich schöne Ecke mit einer super Hütte, die sich perfekt zum Übernachten ohne Zelt eignet. Da ich nun schon 4,7 km hinter mir hatte, pausierte ich an der Hütte ein Weilchen, ließ meine Gedanken schweifen und malte mir aus, wie schön ein Aufenthalt an dieser Stelle gewesen wäre. Währenddessen zogen in entgegengesetzter Richtung zwei Schwedinnen an mir vorbei.

Hütte Hävlingen
Hütte Hävlingen

Die nächsten 40 Minuten verbrachte ich damit am See entlangzulaufen, da dort der offizielle Weg verlief. Hierbei passierte ich mehrere schöne Plätze, die sich ideal zum Zelten geeignet hätten. Das zeigte mir noch einmal deutlich, dass auf dem südlichen Kungsleden die durch viel Natur umgebenen Seen grundsätzlich am besten zum Zelten geeignet sind. Nur muss dies dann bei der Etappenplanung berücksichtigt werden, da zwischen den Seen schnell einige Kilometer liegen können.

Das indigene Volk der Samen

Nachdem ich dem See Hävlingen den Rücken gekehrt und den umliegenden Grünstreifen fast durchquert hatte, folgte eine Informationstafel. Aufgeklärt wurde über das indigene Volk der Samen, deren Fokus auf der Rentierzucht lag. Daher zogen die Samen gemeinsam mit den Rentieren, da die Rentiere im Sommer auf den Bergen zu finden sind und sie mit zunehmender Kälte die Berge wieder verlassen. Bei dem eben von mir durchquerten Areal handelte es sich damals wohl um die Sommerwohnstätte der Samen. An einigen Stellen sollen daher noch die Grundrisse der Hütten sichtbar sein. Weiterhin wurde über einige Bräuche der Samen informiert. Nach Beendigung der kleinen Geschichtsstunde zog ich weiter. Allerdings wollte das Wetter nicht mehr mitspielen. Nachdem es nun bereits den Morgen über windig war und der Himmel durchgehend grau, musste es natürlich wieder anfangen zu regnen.

Mondlandschaft

Die Bäume und die Vegetation im Allgemeinen nahmen wieder schnell ab, so dass nach wenigen hundert Metern kein einziger Baum und kein einziger Strauch mehr zu sehen war. Weit und breit legte sich nur ein grüner Film über die Landschaft, die wie gewohnt mit vielen größeren Steinen gesprenkelt war.

Unendliche Weiten
Unendliche Weiten

Mein Blick in die Ferne reichte mehrere Kilometer, so dass mir schnell klar wurde, dass die nächsten Stunden etwas mehr Selbstmotivation fordern würden. Genau genommen lagen 9 km Mondlandschaft vor mir. Die leicht hügelige Landschaft ohne weitere Pflanzen und Felsen lies tatsächlich den Gedanken aufkommen, ob ich noch auf der Erde unterwegs bin. Andererseits war es auch echt bewundernswert, welche Weiten es ohne eine einzige Straße und ohne einen einzigen Menschen in Schweden gibt. Wer seine Ruhe sucht ist in der Ecke sehr gut aufgehoben.

Kilometerweiter Ausblick
Kilometerweiter Ausblick

Plötzlicher Abbruch?!

In 2 km Entfernung sollte mich das kleine Örtchen Grövelsjön erwarten. Das erste Örtchen nach ca. 80 km Strecke ohne jegliche Zivilisation oder Straßenanbindung. Zeitlich war ich echt super unterwegs, so dass ich plante noch weitere 8 km zurückzulegen, um letztendlich an einem See mein Zelt aufzuschlagen.

Allerdings sollten mir meine Sehnen wieder einen Strich durch die Rechnung machen. Auf Höhe des linken Knies bauten sich innerhalb von wenigen Minuten im Bereich einer Sehne starke Schmerzen auf, die auch nicht mehr verschwinden wollten. Das Laufen wurde somit wieder zur Qual. Erinnerungen an meine erste Trekking-Tour in Schweden kamen hoch. Sollte mich nun also erneut dieses Schicksal ereilen, dass ich mich mit starken Schmerzen bis zur nächsten Straße vorkämpfen muss, um dann die Tour abzubrechen?! Auf den nächsten 500 Metern ergründete ich daher die Schmerzintensität und die dadurch resultierenden Einschränkungen beim Gehen. Die Schmerzen waren dann leider so stark, dass sie mich in meiner Bewegung stark einschränkten und ich somit mein Bein automatisch versuchte steif zu halten. Das Laufen über einen steinigen Pfad wurde somit zur richtigen Tortur, da das Kniegelenk gezwungenermaßen immer in Bewegung war. Schon der Gedanke noch weitere 1,5 km in diesem Zustand bis zum Örtchen Grövelsjön laufen zu müssen bereiteten mir alles andere als Freude.

Da ich bei meinem ersten sehnenbedingten Abbruch in Schweden viel über meinen Körper, meine Grenzen und meine Gedankengänge zum Thema Aufgeben gelernt hatte, wusste ich, dass es nur eine sinnvolle Entscheidung in diesen Situation gab. Ich musste mich an dieser Stelle geschlagen geben. Eine erholsame Nacht oder ein bis zwei Tage Pause hätten sicherlich kurzzeitig für eine Besserung gesorgt, so dass ich hätte weiterlaufen können. Aber die Schmerzen wären wieder gekommen und wären stärker und stärker geworden. Und wer weiß in welchem abgelegenen Landstrich ich dann Hilfe rufen müsste. Ich hatte diesmal also wieder einmal enormes Glück, dass die Schmerzen erst 2 km vor dem ersten erreichbaren Örtchen aufgetreten sind und nicht schon während ich mitten im Naturreservat unterwegs war. So traurig mich der Umstand des Abbruchs stimmte, so glücklich war ich, dass ich nicht erst stundenlang mit mir selbst kämpfen musste, um wirklich den Entschluss zu fassen. Die vorhandenen Erfahrungswerte waren in dieser Situation einfach enorm hilfreich. Was den Entschluss des Abbruchs noch unterstützte, war der Ausblick auf das Wetter der nächsten Tage. Es sollte nämlich weiterhin Temperaturen im einstelligen Bereich geben sowie windig und regnerisch bleiben.

Grövelsjön

Zeltplatz Grövelsjön
Zeltplatz Grövelsjön

Nachdem ich für die Durchquerung der Mondlandschaft ungefähr 3 Stunden gebraucht hatte, erreichte ich gegen 14:00 Uhr Grövelsjön, ein kleines überschaubares Dörfchen. Sogar eine Anbindung an das Straßennetz war vorhanden. Allerdings lag die Hütte Grövelsjön ein wenig außerhalb des Dörfchens, so dass ich das eigentliche Dorf gar nicht zu Gesicht bekam. Bei der Hütte Grövelsjön handelte es sich anscheinend um einen ziemlichen beliebten Ausgangspunkt für viele Wanderungen, so dass die Hütte eher einer großen Hotelanlage mit riesigem Parkplatz glich. Von daher fühlte ich mich dort etwas fehl am Platz. Nachdem ich die Umgebung gesichtet hatte, entschied ich mich in einem kleinen mit Bäumen bewachsenen Areal mein Zelt aufzuschlagen. Es war zwar noch sehr zeitig aber die Temperaturen und der Wind sorgten dafür, dass ich mich in meinen Schlafsack verzog.

Den Nachmittag nutzte ich dann um meine Rückreise zu planen. Ich wollte zurück in das warme und sonnige Deutschland, um mich von den Strapazen dieser Tour zu erholen. Relativ schnell bekam ich heraus, dass dieses winzige Dörfchen sogar 4-mal am Tag von einer Buslinie angefahren wird. Nachdem ich meine Rückreise zusammengestellt hatte, buchte ich den Rückflug nach Deutschland, den Zug nach Stockholm, ein Hotel in der Nähe vom Flughafen, um die Nacht bis zum eigentlichen Flug überbrücken zu können. Ein Hoch auf Smartphones, ohne die solch ein flexibles Reisen gar nicht möglich wäre.

Lediglich den Fahrschein für den Bus konnte ich nicht über die App des Betreibers kaufen, da meine beiden Kreditkarten beim Zahlungsvorgang abgelehnt wurden. Nachdem ich Hilfe im Freundeskreis gesucht hatte und auch dort zwei Leute an der Buchung scheiterten, schien es entweder ein Problem mit deutschen Kreditkarten zu geben oder allgemeine technische Probleme. Da die Webseite des Betreibers darauf hinwies, dass aufgrund von Corona kein Fahrscheinverkauf im Bus erfolgt, hatte ich sorge, ob ich ohne Fahrschein überhaupt mitgenommen werde. Ich suchte daher die Rezeption in der Hütte auf und fragte, ob diese möglicherweise Fahrscheine als Außenstelle verkaufen oder anderweitige Informationen vorliegen haben. Allerdings konnte man mir nur sagen, dass es bereits ab und an vorgekommen ist, dass Leute keine Fahrscheine per App kaufen konnten aber alle Leute bisher irgendwie mitgenommen wurden. Dies beruhigte mich nur ein wenig aber was sollte ich anderes machen als die Situation einfach auf mich zukommen zu lassen.

Nachdem ich mich wieder in meinen Schlafsack verkrochen hatte, verspeiste ich unzählige Snickers als Abendbrot, da ich keine Lust zum Kochen hatte und ich mein Reisegepäck etwas verringern wollte. Somit lies ich den Tag langsam ausklingen und bereitet mich mental auf eine anstrengende und abenteuerliche Rückreise vor.

Weitere Impressionen des Tages

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