Tag 3 (1/2): PR13 „Vereda do Fanal“ + Abenteuerpfad

Die Horrornacht

Die letzte Nacht gestaltete sich leider nicht so erholsam wie ich es mir vorgestellt hatte. Kurz nach 21:00 Uhr fing es nämlich an zu regnen. Die dicken schweren Regentropfen prasselten auf mein Zelt und verursachten einen ziemlichen Lärm, so dass ich einfach nicht einschlafen konnte. So lag ich dann eine Stunde wach im Zelt bis plötzlich ein Auto zu hören war. Dies versetzte mich in Alarmbereitschaft. Ich hatte den ganzen Tag weder auf dem PR15 und PR14 noch auf dem Zeltplatz auch nur einen einzigen Menschen getroffen. Warum kommt nun bei diesem starken Nebel um 22:00 Uhr in totaler Dunkelheit jemand mit Auto angefahren. Da es noch regnete und mein Zelteingang in die falsche Richtung zeigte, konnte ich das Geschehen nicht wirklich beobachten. Aufgrund meines dauerhaften Alarmzustandes war an Schlaf erst recht nicht mehr zu denken. Nach gut einer Stunde fuhren die 2-3 Personen wieder und ich konnte etwas zur Ruhe kommen. Der Regen lies auch nach, so dass endlich etwas Schlaf drin war. Allerdings gab es gefühlt stündlich einen Schauer, der mich wieder aus dem Schlaf gerissen hat. Es hörte sich an, als würde jemand eine Gießkanne über meinem Zelt entleeren.

Der erste Morgen

Fanal am PR13 "Vereda do Fanal"
Fanal am PR13 „Vereda do Fanal“

7:00 Uhr stand ich dann mit dem Sonnenaufgang auf. Ich war nicht wirklich ausgeschlafen und draußen war es arschkalt. Durch den ständigen Regen war mein Zelt total nass. Dummerweise hatte ich am Abend die Belüftungsfenster im Außenzelt nicht geöffnet, so dass sich enorm viel Feuchtigkeit auf der Innenseite des Zelts abgesetzt hat und mein Innenzelt dementsprechend ebenfalls nass war. Während ich dann aus meinem Zelt krabbelte kamen sofort neugierige Vögel an und wären am liebsten in das Zelt gehüpft. Die hatten keinerlei Angst und kamen richtig nah an mich heran. Letztendlich haben mir die Vögelchen dann den ganzen Morgen Gesellschaft geleistet und saßen meist einen Meter neben mir. Einer wollte sogar mein Muffinpapier mitnehmen. Ich baute dann mein Zelt ab und hing das Außen- und Innenzelt über die in der Nähe stehenden Bänke, in der Hoffnung das Zelt würde etwas trocknen. Einerseits wollte ich nicht unnötig viel Gewicht mit mir herumtragen und andererseits wollte ich in der folgenden Nacht in einem einigermaßen trockenem Zelt schlafen. Da keine Sonne schien trocknete das Zelt allerdings sehr schlecht, so dass ich es dann in diesem Zustand einpacken musste. In der Zwischenzeit kreuzte tatsächlich ein Rentner den Zeltplatz, indem er ohne Gepäck und ohne auch nur ansatzweise die Natur zu begutachten zügig den Weg entlangeilte. Somit hat er mich auch gar nicht wahrgenommen. Ich verpackte dann die restliche Ausrüstung und füllte meine Wasserflaschen für den Tag auf. Sicherheitshalber warf ich in jede Falsche eine Micropur-Tablette hinein um das Wasser zu desinfizieren. Auf meiner Karte stand zwar es sei eine Trinkwasserstelle aber ich wollte lieber auf Nummer sicher gehen. Kurz bevor ich aufbrach kam dann auch endlich die Sonne heraus.

PR13 „Vereda do Fanal“

9:15 Uhr startete ich dann endlich. Ich hatte mir bewusst Zeit gelassen aber trotzdem war ich etwas erstaunt, dass vom Aufstehen bis zum Loswandern 2:15 Stunden vergangen sind. Ich startete mit dem PR13, der den Namen „Vereda do Fanal“ trägt. Die Landschaft unterschied sich extrem von den gestrigen Wäldern. Vor mir lagen weite Ebenen, die fast ausschließlich von Büschen bewachsen waren. Da war es dann schon etwas schwieriger sich zu orientieren und einen Weg zu finden. Somit schlug ich einmal auch den falschen Weg ein. Nach gut 400 Meter bemerkte ich dann meinen Fehler, da ich in einer Sackgasse stand und ich dann anfing zu grübeln warum es keinen weiterführenden Weg mehr gibt. Also wieder den Weg zurück und nochmal neu orientieren. Diesmal schlug ich an der Weggabelung dann den richtigen Weg ein.

PR13 "Vereda do Fanal"
PR13 „Vereda do Fanal“

Der Weg war zwar vom Schwierigkeitsgrad als mittel eingestuft, ich empfand den Weg allerdings als sehr angenehm und hätte ihn eher als leicht eingestuft. Zeitweise war ich dann in einigen Wolken unterwegs. Man merkte sofort, dass die Temperatur um einige Grad einbrach und es teilweise echt eisig wurde. Da musste man dann doch noch ein paar Klamotten mehr anziehen um den Körper warm zu halten. Nach ca. 4 km ging es dann wieder ein ganzes Stückchen bergauf. Am Ende des Aufstiegs existierte noch ein kleiner Weg, der zu einem Aussichtspunkt führte. Das lies ich mir natürlich nicht entgehen. Zu sehen gab es Wolken – jene Wolken die ich durchquert hatte. Ein grandioser Anblick.

Wolken am PR13 "Vereda do Fanal"
Wolken am PR13 „Vereda do Fanal“

Während ich die schnell vorbeiziehenden Wolken beobachtete stärkte ich mich erstmal mit einem Energieriegel. Danach kehrte ich wieder auf den eigentlichen Weg zurück und wanderte weiter. Nach einem weiteren Kilometer Weg erreichte ich dann einen Punkt, an dem ich den PR13 verlassen wollte. Denn der PR13 „Vereda do Fanal“ führt direkt in den Osten. Ich hingegen wollte in den Südosten und OpenStreetMap sagte mir, dass es einen alternativen Weg gibt der mich direkt in den Südosten führt. Ich stand also auf dem Berg und blickte in das mehrere hundert Meter tiefe Tal, das vollständig mit Sträuchern und Bäumen bedeckt war. Ein toller Ausblick. Allerdings musste ich nun 230 Höhenmeter auf einer Strecke von 480 Meter absteigen. Das ergab ein echt anspruchsvolles Gefälle. Zu diesem Zeitpunkt war mir allerdings noch nicht klar, in welch große Gefahr ich mich begeben würde.

Der lebensgefährliche Abenteuerpfad

Der Weg wurde anscheinend nur sehr selten genutzt und war dementsprechend zugewachsen. Wenn man aber genau auf dem Boden suchte, konnte man einen leicht eingetretenen Weg sehen. Vor meiner Abreise scherzte ich noch, ich könnte ja eine Machete mitnehmen. An dieser Stelle hätte ich mir für jede Hand eine Machete gewünscht. So musste ich die Sträucher halt mit meinen Händen zu Seite wegdrücken und mich durch das Gestrüpp zwängen. Man hätte meinen Weg garantiert am Geraschel nachvollziehen können. Wenn ihr euch bei den Fotos fragt, warum hat Sven ständig irgendwelches Gestrüpp fotografiert? War er da noch ganz bei Sinnen? Ja, war ich ;D. Ich habe lediglich den Weg fotografiert. Ihr könnt ja mal versuchen den Weg zu identifizieren. Teilweise machte mir der rutschige Boden wieder sehr zu schaffen. Nur diesmal war der Boden mit Blättern bedeckt, so dass ich einmal beinahe richtig böse gestürzt wäre, mich aber während meiner Schlitterfahrt nach unten noch fangen konnte. Bevor ich realisiert hatte was passiert ist stand ich wieder auf beiden Beinen. Da kann man wohl sagen, Glück gehabt. Mein Herz schlug mir danach allerdings bis zum Hals.

Noch gefährlicher als die Wegverhältnisse waren die Klettereinlagen. Teilweise ging es einfach 1-3 Meter steil nach unten. Ohne Rucksack wäre so eine Klettereinlage noch einigermaßen machbar gewesen aber mit einem 16,5 kg Rucksack grenzte es manchmal fast an eine Unmöglichkeit. Im Gegensatz zum Hochklettern sieht man beim Runterklettern die Trittmöglichkeiten nicht. Somit versuchte ich die Anordnung der Steine so gut es ging auswendig zu lernen, damit ich blind wusste, wo ich einen Fuß hinsetzen kann. Wenn es dann nicht klappte hieß es wieder hochklettern und sich die Felsen noch einmal angucken, um dann einen erneuten Versuch zu starten. Zu diesem Zeitpunkt war mein Adrenalinlevel mal wieder auf Anschlag. Ein falscher Schritt oder ein loser Felsen und es würde einige Meter nach unten gehen, da es am Ende der Kletterpartie direkt weiter nach unten ging. An einer Stelle waren nur ein paar dünne Äste zwischen die Felsen geklemmt worden, damit man herunterkommt. Mir war von vornherein klar, dass die Äste keine 90 kg tragen werden. Von daher musste ich an dieser Stelle meinen Rucksack separat nach unten befördern. Diese Entscheidung war mehr als weise, denn die Ästen hatten schon mit meinem normalen Körpergewicht einen bedenklichen Zustand erreicht. Ich stellte mir immer wieder die Frage, ob ich lebensmüde bin. Nepal erschien mir im Gegensatz zu dieser Strecke wie ein Sonntagsspaziergang. Ich war zu diesem Zeitpunkt wirklich froh allein unterwegs zu sein. Diese Gefahr hätte ich niemanden zumuten wollen. Für die 480 Meter habe ich ohne Pause ganze 40 Minuten (Durchschnittsgeschwindigkeit 0.72 km/h) benötigt. Das spricht schon Bände. Als ich endlich das Ende des Streckenabschnitts erreicht hatte, war ich wirklich glücklich das überstanden zu haben und mein Herzschlag normalisierte sich langsam wieder. Am Ende der Strecke gab es dann zwei große Wasserfälle mitten im Wald zu bestaunen. […]

Abenteuerpfad
Abenteuerpfad

Weitere Impressionen des Tages

9 Comments

    1. shion

      Die Frage habe ich mir auch ein paar mal gestellt. :D
      Ich glaube es liegt an der Abenteuerlust und dem Verlangen sich selbst herauszufordern, um seine eigenen Grenzen zu überschreiten.

  1. Birgit Christmann

    Lieber Sven, danke für dein Reisetagebuch, es gibt ja sehr wenig zu Querungen in Madeira.
    Na ja, bezüglich Levada Rocha Vermelha hat es mich doch arg bang gestimmt. Nachdem wir den Abschnitt selbst gegangen sind, kann ich nur sagen: Achtung auf beim Tourenverlauf – ich halte von Ost nach West für die bessere Variante, und den Abstieg, den du gemacht hast (wobei ich mir nicht sicher bin, ob du immer den einfachsten Weg genommen hast), sind wir aufwärts gegangen. Immer noch schwer genug, aber machbar. Ja ja, der Stairway to heaven und der letzte Wasserfall (bzw. bei dir der erste) haben es besonders in sich… gut, dass du es geschafft hast. Für alle, die es dennoch wagen wollen, also noch der Tipp mit der veränderten Richtung und heir gibt es dezidierte Infos dazu, gerade für den Weg nach Fanal http://danishome.ch/Levadaverzeichnis.htm

    1. Sven

      Hallo Birgit,

      die wenigen Informationen zu Querungen auf Madeira waren bei meiner Vorbereitung tatsächlich ein etwas größeres Problem. Von daher war mir bei den Verbindungswegen zwischen den Levadas/PR-Wegen nicht wirklich klar was auf mich zukommt. In der Hinsicht ist die von dir verlinkte Seite wirklich Gold wert.

      Ich kann dir da nur gänzlich zustimmen. Die Variante von Ost nach West ist in meinen Augen ebenfalls einfacher und somit mit weniger Gefahren verbunden.

      @“wobei ich mir nicht sicher bin, ob du immer den einfachsten Weg genommen hast“
      Ich habe ehrlich gesagt vor lauter Gestrüpp nur einen Weg gesehen, von daher stellte sich mir die Frage gar nicht, ob ich eventuell einen anderen Weg hätte nehmen können. *lach*

  2. iris

    Hallo Sven,
    als langjährige Madeiraurlauberin (Sommer18 war das 22te Mal in 28 jahren ) freue ich mich über jeden weiteren Fotobericht. Noch bin ich mitten drin, aber als alte Madeirahäsin musste ich schon ab und an grinsen Z.B. wenn du von Rentnern , die die Strecke nicht überlebt hätten, schreibst. Du weißt gar nicht, welch aktive Seniorentouris auf der Insel unterwegs sind (noch gehöre ich nicht dazu).
    Es gibt auch viele sehr agile ältere Einheimische, die mit Wandergruppen die Insel auf und abseits der PRs unsicher machen.
    Daniel, dessen verlinkte Seite irre viel Infos zu Levadas und neuen Wanderungen bietet, ist auch 2-3mal so alt wie du (dein Alter müsste ich noch finden ;-) )
    Falls du nochmal Madeira eroberen möchtest, neben ihm gibt es im forum-madeira.de noch einige andere, die der Insel und dem Wandern auf Madeira verfallen sind und ihre Touren mit Fotos, Karten-soweit möglich und Tracks diskutieren.
    Dort wurde auch gerade dein Blog verlinkt.

    Deshalb lese ich jetzt erstmal weiter…
    LG iris

    1. Sven

      Hallo iris,

      das klingt so als ob Madeira deine 2. Heimat geworden ist. Allerdings kann ich das sehr gut nachvollziehen, da es wirklich eine tolle Insel ist. :)

      In der Zwischenzeit habe ich wirklich viele Rentner kennengelernt, die echt anspruchsvolle Touren absolviert haben (insbesondere in Japan). Von daher nehme man mir meine kleine Spitze hinsichtlich der Rentner nicht übel. :p

      Also eines steht fest – wenn es mich nochmal nach Madeira verschlägt dann habe ich definitiv ausreichend Anlaufstellen für meine Planung.

      Liebe Grüße
      Sven

  3. iris

    PS.
    auch auf Wikiloc sind einige nützliche Hinweise zu Madeirawanderungen. Manche der dortigen einheimischen Wanderer sind auch auf fb unterwegs und setzen Fotoalben zu ihren Touren (die wir Foriander versuchen – virtuell und real), nachzuvollziehen. Unter anderem die Naturfreunde Madeiras „Amigos da natureza madeira“, „Caminheiros do Barrete de Orelhas“, „Madeira Lés a Lés“….
    LG iris

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.